Doch nach dem unzweifelhaft positiven Sturz des Diktators, Massenmörders und Folterers Assad warten weitere Aufgaben auf die nun hoffentlich befreiten Syrerinnen und Syrer:

Zum einen leben im Land zahlreiche politische und ethnische Minderheiten - Kurden, Christen, Alewiten, Drusen und andere -, die entweder schon im offenen Konflikt mit der nun tonangebenden Gruppe Haiat Tahrir al-Sham (HTS) stehen; oder die in Zukunft mit ganz neuen Repressionen rechnen müssen, wenn nicht gar mit einem weiteren Krieg um Gebietsansprüche, zumal die Kurden im sogenannten Gebiet "Rojava" im Norden Syriens bereits einen halbwegs funktionierenden Verwaltungsapparat mit demokratischen, rechtsstaatlichen und sozialistischen Elementen aufgebaut haben. Es ist unklar, ob HTS die Selbstbestimmung der nordsyrischen Kurden akzeptieren wird, die obendrein seit Jahren in einen Krieg mit den türkischen Streitkräften verwickelt sind, die sich wiederum mit HTS koordinieren.

Rima H., unsere Namensgeberin, klagt darüber hinaus die kurdische Gruppe Syrian Democratic Forces an (SDF), die ihrerseits dieser Tage auf Arabischstämmige schießen würde - mutmaßlich, um schnell Fakten zu schaffen und Einflusszonen abzustecken.

Zum anderen haben, unabhängig von diesen ungelösten politischen und militärischen Konflikten, die letzten Tage offenbart, wie lange Assads Diktatur noch nachwirken wird: Tausende Menschen kamen aus den Gefängnissen frei - zum Teil schwer entstellt, körperlich schwer behindert, mit starren, hohlen Blicken, mutmaßlich fast alle mit Traumata, mit wenig Reaktionsvermögen auf menschliche Ansprache, mit Erinnerungslücken, oftmals mit völligem Gedächtnisverlust. Johannes Sadek und Weedah Hamzah berichteten am 11. Dezember in der HNA und WLZ, dass Gefangene teilweise ihre eigenen Namen vergessen hätten. In Assads Hauptgefängnis Saidnaja hätten manche mehrere Jahrzehnte lang eingesessen. Der rebellische Luftwaffenpilot Ragheed al-Tatari war 43 Jahre lang in Haft. Auch zahlreiche Frauen seien in den Gefängniszellen eingesperrt worden, oft mit ihren Kindern. Einige hätten wohl noch nie das Tageslicht gesehen, wie die Autoren eines SPIEGEL-Berichtes vom 9.12. mutmaßen.

Rima zeigt sich bestürzt über eine noch dunklere Dimension des Grauens: Der Frage, was mit all jenen Syrerinnen und Syrern passiert ist, die nicht in den letzten Tagen befreit worden sind, die aber noch auf Assads Gefängnis-Listen stehen - dies seien über Hunderttausend Menschen. Am Montag, dem 9. Dezember - einem Tag nach Assads Sturz - rief Rima um Hilfe: Unter dem Saidnaja-Gefängnis befänden sich mindestens noch drei Stockwerke mit unterirdischen Zellen (siehe auch Blog-Eintrag vom 09.12.2024 auf diesen Seiten). Assads Leute hätten kurz vor ihrer Flucht die Strom- und Luftzufuhr gekappt, so dass die Gefangenen jetzt qualvoll erstickten oder verdursteten. Es gibt ein Video von Jamel, wie er auf dem Dach des Gefängnisses steht, vor einem Luftschacht, aus dem menschlicher Verwesungsgeruch trete. 

Wir von RIMA e.V. haben sofort das Auswärtige Amt informiert, das Rimas Bericht auch dokumentiert habe. Wenig später allerdings hat - und dies ist in Abgrenzung zum vorherigen Blog-Eintrag vom 09.12. eine neue Entwicklung - die syrische Zivilschutz-Gruppe "White Helmets", die Weißhelme, das ganze Gefängnis mit Spürhunden abgesucht und auch alle unterirdischen Zellen erfasst - aus denen seien, so die Weißhelme, allerdings bereits schon bis Sonntagabend, 8. Dezember, 23 Uhr, alle Gefangenen befreit worden. Es sei unwahrscheinlich, dass unter oder neben den drei bekannten unterirdischen Stockwerken noch mehr Zellen auftauchten.

Naheliegender ist mittlerweile ein neuer Verdacht: Die Zehntausenden an Menschen wurden über Jahre hinweg grausam gefoltert, hingehalten, ausgehungert, schließlich ermordet, oft durch den Strick. Im bereits erwähnten HNA-Bericht taucht die Zahl von 50 bis 100 Hingerichteten pro Tag auf, die nach ihrer Ermordung in der Wüste verscharrt oder in Öfen verbrannt worden seien. Die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte geht davon aus, dass allein in Saidnaja über 30 000 Menschen solch ein furchtbares Ende fanden. Rima übermittelt im Laufe der vergangenen Woche noch eine weitere Information, zu der es auch eine Video-Dokumentation gibt: In Saidnaja sei eine Art hydraulische Menschen-Presse gefunden worden. Gefangene oder ihre leblosen Körper sollen hier zerquetscht, dann zerhackt und ihre Überreste in Säure aufgelöst worden sein. Berichte etwa des SPIEGELs vom 9. und 12.12. beschreiben ebenfalls diese "Eisenpresse" - frühere Gerüchte über dieses Folter- und Mordwerkzeug hätten demnach einen wahren Kern gehabt. Das einzig Gute sei, dass die Maschine bereits eine dicke Staubschicht trage.